Allzu liebreizend


Die Herr der Ringe Welt ist eine Männerwelt. Das ist kein Vorwurf gegen die Verfilmung – schließlich gab es bereits in den Romanen kaum weibliche Figuren. Tolkien entwarf eine Welt eingeteilt in Gut und Böse, Hell und Dunkel.

Elbin Arwen, Elbenkönigin Galadriel und Menschin Eowyn sind die einzigen Frauen, alle auf der guten Seite zu finden. Alle drei sind weiß. Farbige, asiatische Frauen – nicht zu finden in einem Film, in dem die halbwegs „menschlichen“ Wesen weiß sind: Waldläufer Aragorn, Zauberer Gandalf, König Theoden von Rohan, der wahnsinnig werdende Truchsess und Vater des getöteten Boromir und Faramir. Der böse Zauberer Saruman. Zwerg Gimli. Alle Hobbits und selbstverständlich das weise Volk der Elben – alle sind sie weiß. Und alle sind individuell, keine Möglichkeit, Elben Legolas mit Elbenkönigin Galadriel zu verwechseln (obwohl sie so schön blond sind).

Anders bei den Bösen, da gibt es kaum Individualität. Der Oberböse Sauron, der die Welt unterjochen will, ist nur als Auge sichtbar. Wer will, kann darin monströse Weiblichkeit entdecken, die Pupille als zuckende Vagina, die die Welt verschlingen will. Bei den Bösen ist alles monströs. Sie fliegen auf riesigen Drachen, die sich bei Schlachten gerne Soldaten schnappen und fressen. Die Guten reisen lieber auf Adlern. Der Adler ist ein königliches Symbol, der Doppeladler war Symbol des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Adlerkrallen symbolisieren kriegerische Stärke. Der Drache dagegen steht immer für das Böse, Teuflische. In unzähligen Darstellungen steht die Muttergottes auf einem besiegten Drachen, dem Bösen. Der heilige Georg besiegt den Drachen. Drachen leben gerne unterirdisch, nicht im Tageslicht (Loch Ness), damit verweisen sie wieder auf ihre böse Natur. Die Orks sind degenerierte Elben, die fürchterlichen Uruk-hai werden gezüchtet und aus Schlamm geboren.

(Kritik an Gentechnik. Schlammgeburten – Theweleit !) Wichtig: Die Bösen sind tierisch, antiindividuell. Ihre Zivilisation ist fehlgeleitet. Die Uruk-hai entstammen einer fehlgeleiteten zivilisatorischen Bestrebung Sarumans, der mal eben Uruk-hai machen will, weil er die "Technik" dazu hat. Saruman ist der technokratische Zauberer, Gandalf der naturverbundene! Das Böse wirkt Umwelt zerstörend (Bäume werden gefällt) Es gibt keine Kommunikation, sie gehorchen nur Sauron. Untereinander ist das Böse zerstritten, kommt es zu Streit, killen sie sich gegenseitig. (Orks und Uruk-hai streiten sich um Merry und Pippin im Teil 2) Als Sauron stirbt, zerfällt auch der Zusammenhalt des Bösen. Das ist ein großer Unterschied zur „guten“ Allianz. Auch hier gibt es unterschiedliche Meinungen, doch es werden friedliche Lösungen gesucht.

Die Trilogie erschien in den 50er Jahren und schon damals wurde der Kampf des Westens gegen das böse Reich des Ostens politisch gesehen. Damals Vietnam, heute der Irak. Die religiöse Komponente ist unübersehbar. Das Reich des Bösen – der Teufel. Gleichgesetzt mit einem Land des Ostens, in dem ein böser Diktator herrscht. Bushs Tiraden gegen das Reich des Bösen, die Gleichsetzung Saddam Husseins mit dem Bösen, im deutschen Fernsehen gerne mit dem „Führer“.

Doch diese unzivilisierten östlichen Staaten sind uneinig, nicht wie ihre westlichen Pendants. Auch unter den guten Wesen gibt es Uneinigkeiten, sie sind zu verschieden, um sich zu verstehen. Aber sie respektieren einander, was die Bösen nicht tun. Die Guten erneuern ihren Bund, alle gemeinsam gegen das Böse. Und wer nicht mitmacht, erhält keine Wirtschaftshilfe. Rohan wollte neutral bleiben, doch als Nachbarstaat Gondor angegriffen wird, eilen sie zur Hilfe. Unterschied zur Realität: Medien verkündeten, der Krieg gegen das ultimativ Böse werde nur kurz dauern. Die Verbündeten, die Gefährten des Irakkrieges gingen mit der Gewissheit in den Kampf, schnell zu siegen. Im Film geschieht die Kriegshetze auf die üblich verdrehte Weise: Die Geschichte wird aus der Sicht der Gewinner erzählt, die allerdings so tun, als ob sie ohne Krieg die Verlierer gewesen wären.

Die Chancen stehen schlecht und nur durch zufällige Hilfe seltsamer Wesen gewinnen die Guten. Das erinnert an Star Wars. Dort waren es die Pelztierchen Ewoks, hier sind es Ents, Baumwächter, die gegen das industrialisierte Böse kämpfen, das die Umwelt zerstört. Pathetisch wird es, wenn Aragorn tote Soldaten mobilisiert. (Was nicht am Film sondern an Tolkiens Vorlage liegt) Diese hätten einst für Aragorns Vorfahren Isildur kämpfen sollen aber flohen vor der Schlacht in die Berge. Fahnenflucht, Tote ohne Ehre. Doch nun können die Toten ihre einstige Schande tilgen und für das Gute kämpfen. Der Fluch ist beendet, sie gehen ins Nirwana. Nein, als Soldaten doch eher nach Walhalla. Pazifismus wird eben nicht großgeschrieben, und desertierende Soldaten sind unerwünscht. Jeder und jede kann kämpfen. „Warum darf er nicht für die kämpfen, die er liebt?“ fragt Eowyn empört und meint damit nicht nur den kleinen Hobbit Merry sondern auch sich selbst. Die Kampfeskraft dieser beiden wird von den großen starken Kriegern geschmäht, doch beide werden sich beweisen. Eowyn besiegt den Ringwächter, Merry hilft dabei. Auch Hobbit Pippin beharrt auf seinem Recht zu Kämpfen. Zauberer Gandalf zweifelt an ihm und schickt ihn weg, zu Unrecht, denn Pippin rettet das Leben des großen Gandalf. Sam als Begleiter von Held Frodo hilft dabei, den Ring endlich ins Lava zu werfen, was Saurons Ende bedeutet. Der Kleinbürger Frodo trägt die größte Last, obwohl er wie alle Hobbits eigentlich nur geregelte 7 Mahlzeiten am Tag wünscht. Der kleine Mann ist entscheidend, wünscht er den Krieg? Aber ja, er will kämpfen.

Die Schlachten sind in grandiosen Bildern erzählt, mitreißend, wem würde es nicht gefallen, unter den überlebenden Helden zu sein. Mit Legolas zwischen den riesigen Beinen eines Elefantenungetüms herumzuschwingen und es zu Fall zu bringen (was stark an Luke Skywalkers Kampf gegen imperiale stählerne Ungeheuer im Imperium schlägt zurück erinnert – und was nichts, aber auch gar nichts mit dem Buch zu tun hat, sondern nur Orlando Bloom – und seinen Heerscharen weiblicher Fans – zu Ehren von Peter Jackson nachträglich eingefügt wurde). Selbst für kleine Späße ist in dem Getümmel Platz. Zwerg Gimli rivalisiert mit Elben Legolas darum, wer mehr Feinde tötet. Als Legolas das Elefantenungetüm besiegt und damit vielen das Leben rettet, sagt Gimli nur trocken: „Der gilt aber nur für einen.“ Mit Erfolg, das Kinopublikum lacht. Die Schlacht darf nicht trist sein, wer würde sonst freiwillig in den Krieg ziehen

Die Einteilung in Gut und Böse wird noch mehr vereinfacht als in den Romanen. Smèagol, der Gollum begleitet Frodo und Sam auf deren Reise. Im Film ist er nur zu Beginn eine zerrissene Persönlichkeit, bald gewinnt das Böse Oberhand und er wird zum kleinen bösen Einflüsterer, der Sam und Frodo auseinanderbringen will.

Wer behauptet, es gäbe doch Frauen in diesem Männerparadies, der sollte sich die Aufzählung der Helden ansehen und dann die der Frauen. Eowyn ist eine holde blonde Maid. Die Kindfrau wandelt sich zur Reckin und tötet den Ringgeist, der ihren Oheim tödlich verwundete. Abgesehen davon, dass sie das nur schafft, weil der kleine Merry den Ringgeist ablenkt, ist hier eine Kämpferin zu bewundern. Sie reitet verkleidet in die Schlacht, weil die Männer sie nicht mitnehmen wollten. Eine Kritik am System, das Frauen an wichtigen Sachen nicht teilnehmen lässt, weil Frauen angeblich zu schwach sind? Der Regisseur hätte die Szene auch streichen können, aber Frauen sind ein wichtiges Zielpublikum. Eine Alibikämpferin macht einen Film moderner. Damit ist ihr Job getan. Im kommenden Endkampf ist Eowyn nicht zu sehen, die beiden kleinen Hobbits allerdings schon. Damit wird die Leistung der Frau schon wieder geschmälert, sie ist im Kreis der kämpfenden Gefährten nicht dabei ? da sie verletzt ist.

Aragorn heilt die Frau wie ein neuer Messias durch Handauflegen. Am Ende wirft sie Faramir verliebte Blicke zu, die keiner versteht, der das Buch nicht kennt. Denn davor war sie noch heiß in Aragorn verliebt. Wie auch immer ? sie hat ihren Platz zugewiesen bekommen, sie wird Ehefrau. Das ist ein wichtiger Faktor in der Postmoderne, die verunsichert durch Werteverlust eine neue Ordnung sucht. Die „neue“ Ordnung ist eine traditionelle. Was in dieser Trilogie ganz ähnlich wie in Star Wars gefunden wird, ist eine alte Sicherheit. Gut und Böse sind klar , genau wie damals, als man noch den Eisernen Vorhang hatte, die klare Trennung. Rassen sind ebenso getrennt, die Bösen bleiben unter sich und sterben. Nur zwischen Elben und Menschen gibt es eine Verbindung, hergestellt durch die Elbenfrau Arwen.

Exkurs: T´Pol im neuen „Raumschiff Enterprise“ ist (noch) überzeugt, dass Menschen und Vulkanier sich nie paaren werden. Wir wissen es besser als die doch nicht so logische Vulkanierin, denn die Menschen entwickeln sich weiter. Elben und Menschen sind ebenfalls nicht so weit auseinander wie Vulkanier und Menschen. Die Elben sahen ebenso wie die Vulkanier arrogant und übergescheit auf die Menschen herab. Doch die Menschen unter ihrem König Aragorn retten die gute Weltordnung. Die Sieger haben einen Gewinn verdient, und das ist die Frau. Sie ist der Preis, im Film wird sie ihren Warenwert allerdings nie beklagen. Arwen verzichtet auf ihre Unsterblichkeit, weil sie Aragorn liebt. Fast war sie schon bereit, ihn auf immer zu verlassen, doch in einer Vision sah sie ihren zukünftigen Sohn, der sie vorwurfsvoll anblickte. Jetzt noch den Mann verlassen um ewig zu leben? Nein, denn „wo Tod ist, das ist auch Leben“, wie Arwen zu ihrem Vater sagt. Aragorn muss auf nichts verzichten, sie auf ihr Leben. Die aufopferungsvolle zukünftige Mutter. Reale Filmmütter dagegen sind nicht vorhanden, Väter im Übermaß. Arwen hat einen Vater, Boromir und Faramir haben einen Vater, Eowyn hat im Oheim eine Vaterfigur. Gandalf ist die Vaterfigur schlechthin, besonders für Frodo.

Mütter sind nur in ihrer Rolle als Opfer zu sehen. Beim Angriff auf Rohan in Teil 2, auf Gondor im dritten Teil, laufen eine Menge schreiender Frauen mit kleinen Kindern im Arm herum. Das weist nur auf die Hilflosigkeit von Frauen und Kindern und die Bosheit des Feindes hin. Eine etwas größere Rolle hat höchstens Elbenkönigin Galadriel als Mutterfigur. Doch sie ist eine weite entfernte Mutter, eine strahlende weiße Traumfrau. Ähnliche Züge hat auch eine Femme fatale im späten 19. Jahrhundert und würde sich doch eher Femme fragile nennen. Sie erscheint wie ein Engel in der Not, richtet Frodo auf, wenn er aufgeben will und schenkt am Happy End dem Publikum ein wunderschönes Lächeln. Cate Blanchett strahlt eine gewisse Stärke aus, Liv Tyler und Miranda Otto dagegen sind holde Maiden, die beim starken Mann landen.

Eine Analyse der anderen Art vielleicht zu Frodo: Darsteller Elijah Wood sieht dermaßen verletzlich aus, erregt mit seinen großen Augen (Kindchenschema) Muttergefühle, weint so oft wie nie ein männliches Wesen im Kino davor (was aber am Roman liegt) und ist androgyn hergerichtet. In manchen Szenen könnte der junge Mann ebenso eine Frau sein. Besonders auf dem Aushangfoto und Plakat, das ihn ohne Sam an den Hängen des Schicksalsberges zeigt: angeschmutzt und verletzlich.

Er ist der Ringträger, die anderen kämpfen für ihn. Sam und er kommen sich emotional sehr nahe, bei ihrem Abschied (Frodo verlässt Mittelerde auf dem letzten Elbenschiff) sehen sie sich so tief in die Augen, dass von der Bildregie genauso gut ein Kuss hätte kommen können. Also zu nahe? Als die beiden umarmt auf ihren Tod warten, redet Sam von einer Hobbitfrau, die er gerne geheiratet hätte. Vielleicht wird hier mehr angedeutet als dann sichtbar ist, weil das nächste zahlende Publikum angesprochen werden soll. Homosexuelle gelten schließlich als sehr zahlungskräftig.

Völlig unter geht dagegen farbiges Publikum. In einer Szene kann ein Farbiger, vielleicht ist er Inder (unter der Schminke schwer zu sehen) entdeckt werden, ein böser Reiter auf einem Elefantenungetüm. Was sagen schwarze, farbige, asiatische KritikerInnen zu der Trilogie?

Trotzdem hat aber gerade das Böse bei Jackson auch unglaublich schöne, ja sogar verführerische Züge. Die Nazgûl kommen bei allen Tolkien-Fans anscheinend prima an. Die Ausstattung aller Bösen ist ebenso liebevoll gemacht wie die der Guten, manchmal sogar besser:

Aragorn bleibt bis fast zum Ende immer auch der Waldläufer Streicher mit schmutzigen Händen und oft schmutzigen Haaren [interessantes Phänomen, in welchen Situationen Viggo Mortensen mit gewaschenen Haaren auftauchen darf!]. Die Ostlinge und Südländer hingegen haben wesentlich prächtigere Uniformen mit oft nicht immer funktionell erscheinenden Details. Dahinter steckt aber das Outsider Phänomen, der einsame Kämpfer gegen das uniformierte, uniforme System. Individualität gegen uniforme Masse. Eine Uniform verschleiert Individualität, daher tragen in Filmen (Star Wars) die bösen meist Uniformen. Sehr beliebt ist auch Gollum, das zerrissene Geschöpf. Das Böse kann durchaus auch der Identifikation dienen.

In einer positiven Kritik stand, wer mit seiner Freundin in den Film gehe, solle Taschentücher nicht vergessen. Der Film drückt wirklich extrem auf die Tränendrüse, ein seltsames Phänomen. Man/frau weiß, wie kitschig, gewaltverherrlichend, auf rechter Ordnung aufbauend der Film ist, aber trotzdem kommen die Tränen. Doch nicht allzu oft, denn trotz der gigantischen Bilder wird Die Rückkehr des Königs am Ende doch langatmig. Und da versiegen die Tränen wieder.

Fotos aus dem Film: Herr der Ringe, das Copyright der vielfach im Internet verwendeten Szenenfotos liegt bei Warner