
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf Sciencefictionfilmen, die in Hollywood entstanden sind. Warum gerade die Beschäftigung mit dem Mainstream so interessant ist, definiert Philip Green in seinem Buch Cracks in the Pedestal. Seine zentrale These ist, “that the contemporary production of visual culture takes place under conditions prominently structured by the feminist cultural revolution of the 1970s.”[1] Ideologie beeinflusst die Erzählung. “The Hollywood text is a historical text. No film or television segment can be understood outside of its time and place, and comparisons across time and place (especially given the longtime existence of the Hollywood Production Code) are otiose.“[2]
Film und Fernsehen lassen Rückschlüsse auf die Gesellschaft der jeweiligen Entstehungszeit zu, und das macht sie zu historischen Dokumenten.
`Because Hollywood is a creator of dreams and fantasies and purveyor of ideologies for the American people, as well as a multibillion-dollar industry at the heart of American life, it must to a great extent be representative of that life, neither apart from it nor opposed to it.´ [3]
Besonders interessant ist nun, wie Hollywood auf das Wiedererwachen des Feminismus seit den späten 60ern reagierte. Nehmen wir den mit Softpornos bekannt gewordenen Russ Meyer. Doch wenn Tura Satana in seinem Film Faster Pussycat Männer attackiert und zu Boden wirft, so hat das nichts mit einem Softporno als vielmehr dem Bild der männerverschlingenden Frau zu tun. Der Film spiegelt somit eine Gesellschaft wider, die zunehmende Angst vor der dominanten und aktiven Frau zeigt.
Thema dieses Buches ist die veränderte Darstellung einer Weiblichkeit, die ideologisch konstruiert ist, aber im Film und Fernsehen als „natürlich“ verkauft wird. Hollywood präsentiert weiterhin ein ideologisches Bild der Frau, aber ein anderes als noch in den 60ern. Hollywood als riesiger Produktionsapparat und Verkäufer einer gewissen Ideologie konnte es sich nicht leisten, weibliches Emanzipationsstreben zu verleugnen. Aber das hauptsächlich männlich dominierte Hollywood reagierte eher hysterisch. Die 80er, eine Zeit die Susan Faludi als “Backlash”[4] bezeichnet, sind voller Filme, die der Frau die plötzliche Macht wieder nehmen wollen. Hollywood möchte dem Geschmack des Mainstreams entsprechen, da hier die Hauptabnehmer zu finden sind. Die weiße Mittelschicht wird als konservativ eingeschätzt, nicht Gleichberechtigung sondern traditionelle Werte der 50er Jahre werden hochgehalten. Trotzdem darf Hollywood weibliches Emanzipationsstreben nicht vernachlässigen und wählt den Mittelweg. Frauen dürfen aktiv sein, mehr im Mittelpunkt stehen - aber büßen ihren Machtanspruch und fehlende Unterordnung regelmäßig mit Tod oder wenigstens dem Verlust der Macht. Das findet in allen Sparten des Film und Fernsehens statt. Selbst in Filmen wie Rambo, die nahezu ohne Frauen auskommen, gibt es eine Kämpferin, die ihren “Einbruch” in die Männerwelt mit dem Tod bezahlt. Die Lethal Weapon Filme bieten schon eine Polizistin, aber nur um diese aktive Frau heiraten und Mutter werden zu lassen. Dieses Schema zieht sich durch die 80er und 90er Jahre. Ist eine Frau “gut”, so wählt sie selbst ein Dasein als Hausfrau. Ist ihr das nicht möglich wie Ripley in den Alien Filmen, so hat sie eine angemessen unglückliche Figur zu sein. Ganz in diese Ideologie der Happy family passend erscheint Ripley nur dann halbwegs glücklich, wenn sie gerade Teil einer Familie ist und Gefühl zeigen darf. Im ersten Teil hat sie eine Katze, im zweiten sogar die kleine Newt als Tochterersatz und einen Mann als mögliches Liebesobjekt.
Anfang der 90er war wenigstens in Star Trek eine gute Zeit für Frauen, aber schnell folgte der nächste Backlash. Golfkrieg und die Intervention in Bosnien mussten gerechtfertigt werden, die passende Propaganda erschien in Film und Fernsehen. Wenn das Ideal des Kriegers wieder gefeiert wird, gerät Emanzipation in Schwierigkeiten. Denn der kriegerische Mann braucht die untergeordnete Frau. Der Abenteurer und die Hausfrau sind patriarchale Ideale, die sich gegenseitig stützen. Soldatentum basiert auf Hierarchie, nicht auf Gleichheit. Die Frau wird nun auf antifeministische Weise in diese männliche Hierarchie integriert. Hollywood geht wieder in zwei Richtungen: die Frau ist vorhanden und darf aktiv sein, aber sie ordnet sich unter. Viele Fantasy und Sciencefiction Serien funktionieren auf diese Weise. Besonders die Sciencefiction Serien wurden nach Bosnien immer militaristischer und glauben, politisch korrekt zu sein, wenn sie eine Alibifrau präsentieren. Andromeda hat den ehemaligen Herkules Kevin Sorbo als Kapitän. In Space 2063 führen Männer und Frauen Krieg, unter Führung eines Mannes. Nur kurze Zeit war es “in”, eine Frau an die Spitze zu lassen wie in Voyager. Der Zeitgeist verlangte nach einer Frau, aber die hält sich nicht lange oben. Der fünfte Star Trek Ableger hat wieder einen Mann an der Spitze. Besonders Star Trek ist ein Beispiel dafür, wie sich die Darstellung der Geschlechter von den späten 60er Jahren bis Anfang 2000 änderte.
Im Sommer 1996 startete im deutschen Fernsehen die Voyager, die etwas sensationell Neues bot: Eine Frau als Captain. Dieser weibliche Captain muss als Beweis herhalten, dass endlich Gleichberechtigung herrscht. Aber Captain Janeway ist nicht einmal eine richtige Alibifigur. Sie ist weder sexuell anziehend, jung und dominant wie einst Kirk, noch abgehoben, unnahbar und überlegen wie Picard in TNG und auch nicht kämpferisch wie Sisko in DSN. Janeway ist verheiratet, blickt öfters traurig auf das Foto ihres Gatten samt Hund, verkneift sich sexuelle Eskapaden und spielt für ihre Crew die verständnisvolle und liebevolle, nur wenn es wirklich sein muss auch strenge Mama. Eine Frau an der Spitze hat nichts mit Emanzipation zu tun, sondern mit Notwendigkeit. Nach drei männlichen Kapitänen musste endlich eine Frau dran glauben. Aber auch wenn dieser weibliche Kapitän nur dem Zeitgeist entspricht, soviel wie in der Serie Voyager hatten Frauen noch nie zu tun und zu befehlen. Zur beliebtesten Figur wird die schöne und wie einst Spock mit ihren Emotionen ringende Borgfrau Seven of Nine. Das ist eine Entwicklung, die sich in den 60ern niemand hätte erträumen können. Denn die Wurzeln von Star Trek sind absolut frauenfeindlich. Die Originalserie aus den späten 60ern war die Verteidigung “wahrer” Männlichkeit schlechthin. 79 Episoden lang lernte das Publikum ein Triumvirat kennen und lieben, das alles zu bieten hatte außer Weiblichkeit. Die ständig wechselnden Schönheiten waren typische Sexualobjekte. Aber eines machte diese Frauen interessant: Sie waren sehr oft mächtig und böse. Sie gefährdeten die patriarchale Ordnung und mussten unterworfen oder vernichtet werden.
In den 90ern gibt es diese gefährlichen Feindinnen nicht mehr. Sexualität, traditionelle Werte, Rollenverteilung waren seit den 60ern großen Änderungen unterworfen. Aber trotz allem bleibt gefährliche Weiblichkeit der diffuse Feind der patriarchalen Ordnung. Statt auf politische Forderungen von Frauen einzugehen, wird im Film bereits Mitte der 70er Jahre die Politik der Neuen Rechten unter Reagan und Bush vorbereitet. Wurden in Filmen der 60er und Anfang der 70er die Werte der Vätergeneration noch kritisiert, so kommt es in Spielbergs Der weiße Hai und besonders in Lukas Star Wars Trilogie zu einer Versöhnung. Starke Väter zeigen den Jungen den Weg, diese Filme drücken eine Sehnsucht nach väterlicher Autorität aus. Was dabei regelmäßig auf der Strecke bleibt, ist weibliche Gleichberechtigung. Ganz im Gegenteil, gerade der Feminismus wird als Sündenbock für den Zerfall alter Werte herangezogen. Beispiele sollen die These belegen, dass mit dem Feminismus der 70er und dem Wegfallen des Eisernen Vorhangs und damit d
es Erzfeindes Ende der 80er ein neuer Feind gefunden werden musste. Gaddafi, Hussein oder Milosevic ersetzten nur für kurze Zeit den leeren Platz des absolut Bösen. Aber konkrete Beispiele aus nun schon über drei Jahrzehnten zeigen einen ganz anderen Feind, der über all die Jahre nicht ersetzt wurde. Wie Barbara Creed in ihrem Buch The Monstrous Feminine aufzeigt, ist “the prototype of all definitions of the monstrous...the female reproductive body.”[5]
In diesem Buch geht es daher um Sciencefictionfilme, weil neben dem Horrorfilm der Sci-Fi Film das Genre ist, in dem die Frau nicht nur Opfer sondern auch Täterin ist. Das schreckliche Monster, nicht weil sie kastriert ist, sondern weil sie kastrieren könnte in ihrer Form als monströse Gebärmutter, archaische Mutter, Hexe, Vampir, monströse Mutter, besessener Körper oder femme castratrice.
Alexandra Rainer: "Monsterfrauen - Weiblichkeit im Hollywood - Sciencefictionfilm"
Wien: Turia & Kant 2003
ISBN: 3-85132-346-7
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[1] Green, Philip:Cracks in the Pedestal. University of Massachusetts Press 1998, S. 2
[2] ebd. S.3
[3] ebd. Seite 6.
[4] Faludi, Susan: Die Männer schlagen zurück. Hamburg: Rowohlt, 1993.
[5] Creed, Barbara: The Monstrous-Feminine. London: Routledge 1993, erste Seite.